„Kunst ist Seelsorge“

Anatol Herzfeld

Das Ziel unseres Firmenausflugs am vergangenen Wochenende wurde lange Zeit geheimgehalten. Wir Mitarbeiter bekamen eine Woche vor Abfahrt folgende Ansage: Wanderschuhe, Regenzeug, Sonnencreme, wenig Gepäck. Äh? Wie? Unsere letzen Ausflüge führten uns immer in Städte mit besonderen Museen und Kunstaustellungen.

Dieses Mal führte unser Weg – wir erfuhren tatsächlich erst bei der Abfahrt, wo es hingeht – ins Ruhrgebiet, letztes Jahr Kulturhauptstadt Europas.

Am ersten Abend schlenderten wir über die Zeche Zollverein. Wie beeindruckend und gleichzeitig verstörend, dass ein Gelände mit so einem Riesenpotenzial am Freitag abend im Sommer so verlassen ist. Vielleicht nur eine Momentaufname?

Samstag, der erste Regenzeug-Sonnencreme-Wanderschuhtag. Kröller-Müller Museum in der Nähe von Otterlo in Holland. Es liegt eingebettet in eine Dünenlandschaft mitten im Nationalpark De Hoge Veluwe. Nur Langweiler und Bewegungsmuffel fahren direkt mit dem Auto vor die Türe. Wir parkten vor den Toren des Parks und schnappten uns eines der berühmten weißen Räder, die dort zu Hunderten rumstehen. Fix den Stattel eingestellt, Luftdruck geprüft und los. Der Weg führte uns durch Wälder, Sanddünen, Heidelandschaft.

Nach einer Stunde erreicht man das Museum mit seinem Skulpturenpark. Van Gogh, Jan Fabre: egal! So lange das Wetter hält, so beschlossen wir, gehen wir raus. Der Park bedeckt ein weitläufiges gepflegtes Areal. Wie zufällig tauchen in versteckten Ecken Skupturen und Installationen auf. Je weiter wir uns vom Museum entfernten, desto moderner wurden die Kunswerke und desto mehr sprachen sie uns an. Die Kombination aus dieser wunderschönen Parkumgebung und den Kunstwerken war bezaubernd und verblüffend.

Ganz dem Motto des Wochenendes entsprechend, war unser nächstes Ziel die Insel Hombroich. Ein ähnliches Konzept wie am Vortag, doch komplett anders interpretiert. Ich würde die Insel weder als Park noch als Garten sehen, obwohl bestimmt im Hintergrund fleißige Helferlein dafür sorgen, dass alles so aussieht wie es aussieht. Das ganze Areal ist wild und urwüchsig. Skulpturen von Anatol Herzfeld werden mitunter von Grünzeug überwuchert.

Den Übersichtsplan, den man am Eingang ausgehändigt bekommt, kann man getrost in der Tasche stecken lassen. Schöner ist es, sich treiben zu lassen und zufällig zu finden. Mehrere Pavillons, nur beleuchtet vom Tageslicht, beherbergen zahlreiche Kunstwerke. Dorch wer hat sie geschaffen? Keine Ahnung großteils. Manches ist unverkennbar, zum Beispiel die Arbeiten von Yves Klein oder Henri Matisse. Doch wer hat geschaffen, was direkt daneben hängt? Weiß ich nicht. Ein Schild hängt nirgends. Also schaue ich und staune unvoreingenommen. Und weil ich Lust darauf habe, schnapp ich mir einfach ne Brombeere. Draußen. In Wanderschuhen und mit Dreckspritzern auf der Hose.